Rundgang auf der re:publica 14

Gestern ging nach drei Tagen die siebte re:publica in Berlin zu Ende, und es war gefühlt erneut die beste. Atmosphärisch und inhaltlich wurde wieder sehr zielsicher in die Mitte zwischen Klassentreffen, wissenschaftlichem Symposium und Nerd-Konferenz gezielt – und souverän getroffen. Wie bei allen Konferenzen der #Netzgemeinde „nach Snowden“ war auch hier der NSA-Skandal allgegenwärtig spürbar und wurde erwartungsgemäß aus den verschiedensten Perspektiven beleuchtet und analysiert.

Wir beginnen den Rundgang im Innenhof der STATION Berlin, einem bemerkenswerten Industriedenkmal, wo man zunächst durch die schier unübersehbare Anzahl von Menschen etwas erschlagen ist. Mit mehr als 6000 Besuchern ist die Konferenz noch einmal gewachsen und mit einem Frauenanteil von mehr als 40% setzt sie nach wie vor Maßstäbe im Konferenzvergleich. Mit einem Kaffee und nach zwei kurzen Gesprächen („Ich geb' Dir 'ne Mention!“) begeben wir uns in die großzügige Lounge, wo verschiedene Initiativen und Hersteller um die Gunst der Gäste werben. Darunter Microsoft mit seinem Surface oder Atlassian mit seinem neuen Groupchat-Tool HipChat, aber auch Initiativen wie der Deutsche Telekom Innovation Contest, wo im Laufe der Veranstaltung eine Reihe von Startups ihre Ideen pitchen und am Ende ein Gewinner gewählt werden soll. Wir stellen uns zum gerade laufenden Pitch von PlugSurfing, dort stellt ein junger Mann mit Lockenkopf in veritabler Eloquenz sein Unternehmen vor, und wir sind sofort vom greifbaren Erfolgsanspruch seiner Idee beeindruckt. Am Ende des zweiten Tages steht fest, dass wir damit auch nicht ganz falsch lagen:

Wir gehen weiter und landen im größten Saal beim Vortrag von Journalist und Cryptohacker Jacob Applebaum und Jillian York vom amerikanischen Hackerclub EFF, die uns sehr unterhaltsam davon überzeugen, dass die bestehende Forderung nach „Immer alles verschlüsseln“ nicht unbedingt zielführend ist. Beide fordern eine Kampagne eher in Analogie zur Safer-Sex-Bewegung der 80er und 90er Jahre, die bis heute erfolgreich ist (Stichwort „harm reduction“) und zum Beispiel schon im Schulalter beginnt. So angegangen würde man ein differenziertes und nachhaltiges Bewusstsein für die Schutzbedürftigkeit der eigenen Daten schaffen, ein für uns nachvollziehbarer Ansatz. 

Den Vortrag vom neuen „Freedom Ambassador“ der finnischen Security-Firma F-Secure, nämlich von keinem geringeren als David „The Hoff“ Hasselhoff, müssen wir nach 10 Minuten wieder verlassen, uns steht der Sinn eher nach inhaltlichen Impulsen als fulminanten PR-Stunts („Sogar meine Tochter hatte mal einen Virus!“). Den Erfolg der Aktion muss man allerdings konstatieren, immerhin haben wir selbst jene jubeln sehen, die zum streitbaren Popularitätshoch von Hasselhoff noch kaum auf der Welt gewesen sein dürften.

Den großen Saal vorzeitig zu verlassen war natürlich auch eine taktische Entscheidung: Wir genießen nun die vergleichsweise Leere vor dem Catering (sonst ist die Länge der Schlangen nur schwer zu ertragen).

Nach dem Essen bewegen wir uns zielstrebig zu einem Vortrag über das erfolgreiche Business Model unseres Partners Acquia mit der OpenSource-Lösung Drupal, wo wir allerdings wegen des hohen Andrangs vor verschlossenen Türen stehen – leider nicht das letzte Mal in den drei Tagen. Im Vortrag von FAZ-Kolumnist und CCC-Sprecher Frank Rieger sichern wir uns deswegen schon früh einen Platz – eine lohnende Entscheidung. Frank Rieger stellt sich und uns die Frage, wie Regulierung in Zeiten von Marktstrukturen im Oligopol funktionieren kann, wenn es für jedes Marktsegment nur noch einen Service und damit eben faktisch keinen Wettbewerb mehr gibt. In gewohnt scharfsinniger Analyse seziert er die Entwicklung eines Marktes, in dem große Entitäten immer größer werden und wir damit eine signifikant andere Situation vorfinden als noch vor fünf Jahren. Rieger spricht auch dem Staat eine authentische Interessenvertretung seiner Bürger ab (mit Verweis auf die jüngsten Skandale in den Sicherheitsbehörden), damit sei dieser ebenfalls ungeeignet als Regulatorium. Als Ausweg wird die Gründung und Stärkung genossenschaftlicher Strukturen vorgeschlagen, was in unseren Augen allerdings noch viele weitere spannende Fragen aufwirft.

Für eine kurze Verschnaufpause setzen wir uns auf die sehr ästhetisch gestaltete Foyer-Landschaft und klappen wenig später das Notebook für die Erledigung einer dringlichen Aufgabe auf und sind erneut erfreut über die Performance und Stabilität des WLANs (immerhin mehr als 5000 Geräte, die versorgt werden wollen). Nur am letzten Tag mussten wir zeitweise auf 3G wechseln.

Anschließend spricht die ehemalige Bundesjustizministerin und heutige Staatssekretärin Brigitte Zypries (SPD) in sportlichen 20 Minuten mit Volker Tripp vom Interessenverband Digitale Gesellschaft über die „Digitale Agenda“ der Bundesregierung. Unter Applaus des Publikums verliest sie zunächst die Definition des EU-Parlaments zur Netzneutralität („Der gesamte Internetverkehr wird gleich behandelt.“) und schürt die Hoffnung, dass die Bundesregierung das Thema nun doch noch im Sinne der „Netzgemeinde“ angehen wird. Beim umstrittenen Freihandelsabkommen TTIP wird dann ebenfalls diskutiert, ob quasi über Bande hier wieder die Netzneutralität in Gefahr sein könnte. Zypries gibt sich daraufhin politisch und verweist auf dann eben nötige Verhandlungen mit den Amerikanern. 

Es ist nun Abend geworden und nach einigen weiteren Vorträgen zu sehr diversen Themen wie Gatekeeping und die Schwierigkeit der Platzierung von Themen im Netz oder über die seit Jahren versprochene Revolution durch 3D-Drucker begeben wir uns dann ebenfalls in die fröhliche Menge der Netzgemeinde im Innenhof. Bei vielen spannenden Gesprächen über das Gehörte und die jeweils persönlichen Haltungen wird der Abend zur Nacht und die re:publica wird von der Konferenz zur Party, die wir uns natürlich auch nicht entgehen lassen. Denn neben den vielen Baustellen und Handlungsfeldern im Netz und seiner Gemeinschaft gibt es doch allerhand zu feiern: Eine digitale Gesellschaft, die stetig offen für neue Impulse ist, ständig lernt und im konstruktiven Diskurs ihre wahre Stärke entfaltet. Genauso haben wir die re:publica 14 erlebt und genauso wünschen wir uns die Konferenz im nächsten Jahr. Bis dahin!